Kurzgeschichtenwettbewerb schreib.art: Sebastian Duursma holt sich den 1.Preis
Kurzgeschichtenwettbewerb
Mit seinem sprachlich durchdachten und emotional mitreißenden Text über eine kleine Straße und deren Bewohner*innen hat sich Sebastian Duursma beim Kreativschreibwettbewerb schreib.art den 1.Platz geholt. Gekonnt hat er den Text vorgetragen und das Publikum mitfühlen lassen, als die Protagonistin des Textes eines Tages verstirbt und nicht wie gewohnt aus dem Fenster schaut, um von den Nachbar*innen begrüßt zu werden.
Einen ganz anderen Text hat Miriam Zoghlami-Rintelen vorgetragen, der wir ebenfalls herzlich gratulieren, dass sie beim Finale des Wettbewerbs vortragen durfte. Sie stellt sich die Frage, warum Konsument*innen rote oder gelbe Paprika einer grünen Paprika vorziehen. Die Zuhörer*innen hat sich so nicht nur zum Nachdenken gebracht, sondern auf jeden Fall auch zum Lachen.
Das Fenster zur Straße (Kurzgeschichte von S. Duursma)
Jeden Morgen um acht öffnete Frau Reimann ihr Fenster. Sie wohnte im ersten Stock eines Altbaus in einer Seitenstraße, in der die Zeit langsamer verging als anderswo. Ihre Gardinen waren gebügelt, ihre Fensterrahmen weiß gestrichen, und ihr Blick verlässlich.
Die Leute auf der Straße grüßten sie. Nicht aus Freundlichkeit, sondern aus Gewohnheit. Der Bäckerjunge hob den Arm, der Paketbote nickte, die Frau mit dem Kinderwagen murmelte ein „Morgen“. Und Frau Reimann, die eigentlich Erika hieß, lächelte milde, als wäre sie zufrieden mit dem, was die Welt ihr bot.
Niemand wusste viel über sie. Sie war immer da gewesen, so schien es, und immer würde sie da sein. Ihre Haare waren grau, kurz geschnitten, ihr Gesicht streng und irgendwie müde. Manchmal sagte sie zwei, drei Sätze dem Mann des Antiquariats gegenüber, meist über das Wetter. Und dann war da wieder Stille.
Doch an diesem Donnerstagmorgen öffnete sich das Fenster nicht.
Zuerst dachte niemand etwas dabei. Vielleicht war sie krank, vielleicht unterwegs. Vielleicht hatte sie verschlafen. Aber als es am Freitag und auch am Samstag geschlossen blieb, begann die Straße zu flüstern.
Der Bäckerjunge fragte den Antiquar, ob er sie gesehen habe. Der Antiquar schüttelte den Kopf. Die Frau mit dem Kinderwagen blieb kurz stehen, blickte zum Fenster hinauf, sagte aber nichts.
Am Sonntag stand ein Streifenwagen vor dem Haus.
Zwei Beamte klingelten, dann betraten sie das Haus. Sie kamen nach zwanzig Minuten wieder heraus. Ohne Eile, ohne Hast. Einer von ihnen trug ein kleines Notizbuch, der andere telefonierte. Niemand fragte etwas. Es schien plötzlich unanständig, sich zu interessieren.
Am Montag stand ein Mann mit Aktentasche vor der Tür. Der Hausverwalter, sagte jemand. Er öffnete mit einem Schlüssel, kam später mit einem Pappkarton wieder heraus. Darin lagen Bücher, alte Briefe, eine Lesebrille. Niemand nahm Notiz davon.
Erst als die Fenster am Dienstag geöffnet wurden, standen plötzlich drei Menschen still.
Die Gardinen hingen nicht mehr. Die Fensterbretter waren leer. Und Frau Reimann war fort.
Es war, als wäre ein Stück der Straße verschwunden. Kein großer Teil, nichts Weltbewegendes. Aber eben doch ein Stück.
Am Mittwoch öffnete sich das Fenster wieder – diesmal von innen.
Eine junge Frau lehnte sich hinaus. Sie war vielleicht dreißig, hatte dunkle Locken und trug ein zu großes Sweatshirt. Sie schaute sich um, blinzelte in die Sonne, und dann lächelte sie.
Der Bäckerjunge hob automatisch den Arm zum Gruß. Die Frau mit dem Kinderwagen nickte zögerlich. Der Antiquar trat auf die Straße, stellte sich unter das Fenster und sagte: „Neu hier?“
„Ja“, sagte die Frau.
„Willkommen“, sagte er.
Die Straße atmete leise ein. Dann weiter.
Die grüne Paprika – eine Kurzgeschichte
7:00 Uhr morgens, draußen geht die Sonne gerade auf, der Tau ist noch nicht von den Parkplatzflächen kondensiert, das Metall der Einkaufswägen ist noch kalt, die Warentrenner stehen neben dem stillgelegten Förderband und die Kassa bereitet sich im Stillen auf ihr bevorstehendes Piepskonzert vor. In der Abteilung für Gemüse und Obst geht es bereits ordentlich zur Sache. Noch bevor der Mitarbeiter das Licht über der Gemüseabteilung angeschaltet hat, beginnt unter den Paprika bereits der Wettstreit um den besten Platz. Wer sich jetzt nicht in Position gebracht hat, der hat schon definitiv schlechte Chancen für den Tag. Und dann kommt die Erleuchtung – Bühne frei für die drei Paprikas.
„Dich will doch keiner haben“, schreit die rote Paprika. Die grüne Paprika dreht sich weg, schaut aus dem Zellophanpapier in Richtung der Äpfel und ist verbittert. Es ist nicht leicht in derselben Packung mit Gelb und Rot zu sein. Rot möchte natürlich immer herausstechen. Wenn es um das Einkaufen von Paprika geht, möchten die Konsumentinnen und Konsumenten immer die rote Paprika aus dem 3er -Pack haben. Gelb ist so das Mittelding, doch grün? Die grüne Paprika will niemand haben. Mit zwei so süßen Geschmacksexplosionen wie der roten und der gelben Paprika kann die grüne Paprika einfach nicht mithalten. Nach dem Motto: „Mitgehangen mitgefangen“ wird sie jedes Mal mitgekauft. Doch die grüne Paprika sieht unreif aus und ist im Abgang absolut bitter.
Es ist nur so merkwürdig. Warum mögen Menschen die grüne Paprika nicht? An der Farbe kann es ja nicht liegen. Jeder freut sich über eine grüne Ampel, wo hingegen die rote verteufelt wird. Wo schon die Rede vom Teufel ist, der ist ja auch rot. Auch beim Fußballspielen sind alle ganz erbost, wenn die rote Karte, ja auch die gelbe Karte gehoben wird. Grün gibt es zwar nicht, aber wenn doch, dann wäre das doch ein gutes Zeichen. In der Schule, wenn der Deutschtext korrigiert wird und mit überwiegend roter statt mit schwarzer oder blauer Schrift zurückkommt, dann sind die Schülerinnen und Schüler auch traurig. Also an dem Grün liegt es ganz sicher nicht.
Dann liegt es vielleicht am Geschmack, oder? Naja Bitterschokolade wird freiwillig gekauft, und soll sogar ein Genussgut sein. Auch manche Salate sind sehr bitter, wie der Kollege Radicchio. Doch man kauft ihn, weil er gesund ist. Äpfel sind doch auch gesund, und trotzdem kauft man den Kollegen Radicchio. Gerade weil der Apfel keine Bitterstoffe hat, Radicchio aber schon.
Es macht den grünen Paprika ganz bitter zu wissen, dass die Welt ihre eigenen Gesetze hat, wenn es um das Mögen oder Nichtmögen von Umständen oder Gegenständen geht. Beispielsweise in der Liebe der Menschen. Ein gutaussehender Mensch darf einem Mädchen schöne Augen machen und sogar, ohne sie davor um Erlaubnis gefragt zu haben, mit ihren Haaren spielen. Weniger attraktive Menschen – diese werden von der Gesellschaft bestimmt – würden bei derselben Tat entweder Gott persönlich kennenlernen oder froh sein, ohne größere Probleme davongekommen zu sein.
Also was soll die grüne Paprika nun machen? Die Lösung ist so bitter und doch so nah. Die grüne Paprika hat eine Sache mehr als die rote. Sie hat mehr Vitamin K als die rote. Es gibt also einen Grund, warum die Paprika in der Verpackung als Trio kommen, denn zu dritt schmecken sie dennoch am besten.
Der Tag im Supermarkt hat begonnen, die Sonne strahlt am Himmel, der Tau ist auf den Parkplatzflächen verschwunden, das Metall der Einkaufswägen ist warm, die Warentrenner stehen neben dem aktiven Förderband und die Kassa dirigiert das Piepskonzert. Bevor die Paprika weiter verbittern kann, nimmt eine Konsumentin die Packung aus dem Regal. Auch wenn sie die Packung, wegen der roten und gelben Paprika gewählt hat, ist die grüne dennoch glücklich. Sie wurden immerhin zu dritt gewählt. Bei der Kassa angekommen verabschiedet sich die Kassa mit einem lauten Finale von den drei Paprika. Die grüne Paprika weiß nicht, dass sie gekauft wurde, nicht wegen rot und gelb, sondern weil sie diesmal gewollt war. Denn ohne Schatten gibt es kein Licht und ohne Bitter gibt es kein Süß.









